1918 - 1933

Zwischen Weimarer Republik und Faschismus

Anfang November1918 gaben in Kiel Matrosen und Arbeiter das Fanal zum Aufstand gegen Krieg und überkommenes Herrschaftssystem. Die Revolution griff rasch ins Landesinnere über. Im ganzen Land bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte. Während in der Nacht vom 7. zum 8..Novernber 1918 Kurt Eisner (1867-1919) von der USPD in München die Bayrische Republik proklamiert hatte, wurde am 9. November aus einem Fenster des Reichstags in Berlin vom Sozialdemokraten Philipp Scheidemann die Republik für das gesamte Deutsche Reich ausgerufen.. Zum gleichen Zeitpunkt stellte die MSPD (Mehrheitssazialdemokraten) ein Ultimatum. In dem sie den Rücktritt Kaiser Wilhelms forderte. Dieser Schritt stieß ins leere. Nach machtvollen Kundgebungen von Arbeitern und Soldaten verkündete Prinz Max von Baden eigenmächtig die Abdankung des Kaisers und übergab dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert das Amt des Reichskanzlers. Nicht ein Gegeneinander. sondern ein Miteinander der sozialistischen Gruppierungen unter der Parole „,Kein Bruderkampf" war die beherrschende Stimmung dieser Tage. Es entstand eine deshalb paritätisch zusammengesetzte Regierung aus MSPD und USPD. Die Koalition zerbrach jedoch Ende 1918. Die USPD zog aus der Regierung aus; an die Stelle der unabhängigen rückten zwei weitere Mehrheitssozialdemokraten.
Politische und wirtschaftliche Krisen kennzeichnen die folgenden Jahre. Nach der November- Revolution entscheidet sich die Sozialdemokratische Partei Deutschlands und mit ihr die Mehrheit der Arbeiter- und Soldatenräte für die parlamentarische Demokratie. Am 19. Januar 1919 finden die Wahlen zur Verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung statt.
In Sossenheim wurde im Gasthaus „Zur guten Quelle" am 11. November 1918 ein aus acht Mitgliedern bestehender Arbeiter- und Bauernrat gegründet, dem die fünf Sozialdemokraten Wilhelm Völker, Heinrich Konrad Meyer, Josef Roth, Wilhelm Muth und Emil Kappauf angehörten. In seiner ersten Sitzung wählte der Arbeiter- und Bauernrat den Sozialdemokraten Wilhelm Völker zum Vorsitzenden.
In den Händen des Rates lag die Verantwortung für Sicherheit und Ordnung sowie der Versorgung der Bevölkerung, was im Angesicht des verlorenen Krieges und der zurückmarschierenden Truppen ein fast unlösbares Unterfangen war. Nach Einmarsch der französischen Besatzungstruppen Mitte Dezember 1918 wurde der Arbeiter- und Bauernrat aufgelöst.
Bei den ersten freien Wahlen zur Verfassunggebenden Nationalversammlung erreichten die beiden Sozialdemokratischen Parteien in Sossenheim 1286 von 2153 somit fast 60% der abgegebenen Stimmen. Bei dieser Wahl hatten erstmals Frauen das Wahlrecht.
Bei der ersten Gemeindewahlen nach der neuen Reichsverfassung errangen die beiden Sozialdemokratischen Parteien 1074 von 1877 abgegebenen Stimmen somit 57,2%. Die beiden stellten mit Franz Josef Brum, Wilhelm Völker, Peter Mook, Hermann Holste, Artuhr Schröder, Emil Kappauf, Johann Markart, von der USPD und Johann Faust, Hermann Pfeifer, Josef Moos, von den Mehrheitssozialisten 10 der insgesamt 18 Gemeindevertreter. Die restlichen 8 Sitze teilten sich die Zentrumspartei (6) und Bürgerliste (2).
Dies kommentierte der damalige Gemeindesekritär in einem Bericht in der „Sossenheimer Zeitung" vom 6.12.1919 mit der Überschrift „Zum Wechsel der Gemeindekörperschaften" mit folgenden Sätzen „Der Wechsel und die Verschiebung der Machtverhältnisse entspricht der sozialen Schichtung der Bevölkerung. Es ist darin nichts auffallendes zu finden, wenn wir uns auch daran gewöhnen müssen, das das Volk von unten anders hämmert als das Volk von oben."
In ihrer ersten Sitzung wählten die Gemeindevertreter Heinrich Konrad Meyer von der USPD zum ersten Beigeordneten und somit zum Stellvertreter des Bürgermeisters. Meyer hatte schon seit 1906 der Gemeindevertretung angehört.
Der seit 1903 amtierende Bürgermeister Nikolaus Brum 1867-1940 (Zentrum) blieb im Amt, er trat erst 1927 nach Abschluß des Eingemeindungsvertrags zurück. Der neue Gemeinderat stand nach dem vom Kaiserreich verlorenen Krieg vor fast unlösbaren Problemen. Das Elend der arbeitenden Bevölkerung die ihre Spargroschen für nun wertlose Kriegskredite gegeben hatte, war groß. So waren zum Beispiel 1919 28% der männlichen Bevölkerung über 14 Jahre voll- oder teilerwerbslos, ein Umstand der die Gemeindekasse stark belastete. Der Ort Sossenheim lag auf Grund der Bestimmungen des Versailler Friedensvertrags bis 1930 im von den Franzosen besetzten Brückenkopf Mainz. An der Gemarkungsgrenze zu Rödelheim war die Grenze des besetzten Gebietes. Die Inflation nahm bis 1923 riesige Ausmaße an. Trotzdem beschloß der Gemeinderat ein Wohnungsbauprogramm und von Seiten der Gemeinde wurden die Häuser in der Renneroder-, Montabaurer-, sowie in der oberen Michaelstraße errichtet. Für den privaten Wohnungsbau erschloß die Gemeinde das Gebiet um die heutige Overbergstraße.
Im Jahre 1922 schlossen sich die beiden Sozialdemokratischen Parteien wieder zusammen. Die äußersten Linken gingen zur Kommunistischen Partei. Dies hatte zur Folge das die Sozialdemokraten in der Kommunalwahl vom 10. Mai 1924, obwohl sie stärkste Partei blieben, ihre Mehrheit verlor und nur noch sieben Vertreter ins Parlament der Gemeinde entsenden konnte. Zum neuen ersten Beigeordneten wurde der Schlossermeister Josef Delarue von der Bürgervereinigung gewählt. Dies war die letzte Gemeindewahl in Sossenheim, denn im Juni 1926 beschloß das Gemeindeparlament mit der Zustimmung zur Eingemeindung nach Frankfurt am Main mit Wirkung zum 1. April 1928 die Aufgabe ihrer kommunalen Selbständigkeit. Die Sozialdemokraten stimmten zu, obwohl ihnen ein Zusammenschluß mit der Kreisstadt Höchst lieber gewesen währe. Nur die drei kommunistischen Gemeindevertreter hatten dagegen gestimmt. In seiner vorletzten Sitzung entsandte das scheidende Gemeindeparlament den Sozialdemokraten Hermann Holste in die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung. Holste wurde bei der nächsten Kommunalwahl im Jahre 1929 nicht wiedergewählt, für ihn kam der an der Albrecht-Dürer-Schule tätige Lehrer Heinrich Kromer ins Frankfurter Stadtparlament.
Zum Stadtbezirksvorsteher wurde der ehemalige Gemeindevertreter Matthias Bormuth von der SPD bestellt. Die zwanziger Jahre waren die Blütezeit der sozialdemokratischen Arbeitervereine. Schon 1920 fasten die Sossenheimer Arbeitervereine den Beschluß, sich eine eigene Heimstatt zu errichten. Dies war so weit, als die Sossenheimer Wirte 1922 nach Beendigung des „Apfelweinkrieges", bei dem die Ortsvereine die Wirte wegen einer Getränkepreiserhöhung bei der es um Pfennige ging, boykottierten, den Arbeitervereinen den Zutritt zu ihren Lokalen verwehrten. Die „Freien Turner konnten vom Backsteinfabrikanten Hagelauer ein geeignetes an der heutigen Siegener Straße gelegenes Grundstück erwerben. Im Frühjahr 1924 als wieder geordnete Geldverhältnisse herrschten, konnte die Grundsteinlegung erfolgen. Am 15. November des gleichen Jahres konnten dann die unter dem Namen „Freie Turnerschaft Sossenheim e.V." zusammengeschlossenen Arbeitervereine, unter Beteiligung aller übrigen Ortsvereine, ihr „Volkshaus" feierlich einweihen. Dieser Kraftakt war nur mit aktiver und finanzieller Hilfe alle Vereinsmitglieder möglich. Einige nahmen auf ihre Eigenheime Hypotheken auf um Steine für „Ihr Volkshaus" kaufen zu können. Außerdem wurden viele Bauleistungen von den Mitgliedern in Eigenhilfe erbracht. Das Haus wurde in kürzester Zeit zu einem kulturellen Mittelpunkt in Sossenheim. Doch die Freude über das Erschaffene sollte nur von kurzer Dauer sein. Am 2. Mai 1933 wurden die Arbeitervereine enteignet und ihr Vereinsvermögen beschlagnahmt.

 

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